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Zum 4. Mal in Folge!

People leave People, not companies: muss der Chef der neue Kumpel sein?

In Zeiten, wo Hierarchien immer mehr an Bedeutung verlieren, in denen Teamwork großgeschrieben wird, in denen selbst in ehemals sehr konservativen Strukturen die Führungsriege auch keine Krawatten mehr trägt und sich, zunächst unwillig, der Duzkultur in Unternehmen öffnet, könnte der Eindruck entstehen, dass klassische Führungsmodelle ausgedient haben, dass Führung jetzt heißt „wir finden uns alle toll und nett und haben uns alle lieb“.
Aber ist es so einfach? Sicher ist, wir befinden uns im Umbruch. Die digitale Transformation verläuft in vielen Branchen enorm schnell, fast disruptiv. Sie ist durchdringend und teilweise zerstörend. Wir sind alle noch nicht so richtig gewahr, wie wir mit der neuen Welt umzugehen haben. Die Komplexität von „big Data“ droht uns teilweise, über den Kopf zu wachsen. Es müssen Lösungen für das Miteinander in der digitalen Welt her, und diese müssen vom Management aufgebaut und gepflegt werden. Digitalisierung ist damit ganz klar Chefsache, wird aber zur Zeit fast eher beschränkt auf die Vollautomatisierung von Prozessen und die Verringerung von Fehlerquellen. Wir brauchen aber einen digitalen Kulturwandel in der Führung und damit verbunden auch eine neue Personalpolitik. Nur so kann es gelingen, Führung in der digitalen Welt noch machbar zu gestalten zum Wohle aller im Team. Das kann auch heißen, nicht alles zu digitalisieren, sondern bewußt Verzicht zu leisten in bestimmten Bereichen, dort, wo es nicht wettbewerbsschädlich ist und dem einzelnen Mitarbeiter eher dient, den Prozess nicht zu digitalisieren.
Ein sehr einfaches Beispiel: In kleineren bis mittelständischen Unternehmen hat die Buchhaltung bisher die Gehaltsabrechnung im verschlossenen Umschlag persönlich überreicht. Ein Prozess, bei dem Nähe und Miteinander entsteht und der zugleich der Vertraulichkeit von persönlichen Daten dient. Warum muss dies digitalisiert werden über Anbieter wie „Arbeitnehmer online“? Zu einer Digitalisierungsstrategie kann auch gehören, hier beim alten Verfahren zu bleiben und den persönlichen Kontakt wertzuschätzen. Das gibt der Leitung der Buchhaltung ein gutes Gefühl, sie verlässt einmal im Monat ihr Büro und tritt aktiv in Kontakt, und der einzelne fühlt sich wahrgenommen und muss nicht über ein anonymes Portal seine Unterlagen „downloaden“.
Digitalisierung verlangt das Denken in Netzwerken. Netzwerkdenken ist der natürliche Feind von Wissensmonopolen. Führung muss heute den Mitarbeitenden deutlich machen, dass es nicht automatisch zum Wert- und Wichtigkeitsverlust führt, wenn man sein Wissen teilt und mitteilt. Dieser Prozess des Teilens verlangt eine aktive Moderation und Begleitung, eine gewaltige Führungsaufgabe!
Digitalisierung braucht im Extremfall kaum mehr menschliches Handeln. Selbst die komplexesten Prozesse können digital abgebildet und gesteuert werden, künstliche Intelligenz wird in der Zukunft die permanente Optimierung gestalten. Wozu braucht man dann noch den persönlichen Klientenkontakt, wo leistet man ihn sich, wo ist er essentiell und am Ende auch eine Möglichkeit, sich in der Masse der Mitbewerber zu unterscheiden? Hier verlangt es im jedem Unternehmen nach Antworten, die nur die Chefetage geben kann, weil sie zentral die Strategie des Unternehmens berühren.
Auffällig ist in letzter Zeit in vielen Unternehmensbereichen die Angst vor Entscheidungen und das Bedürfnis, Verantwortung möglichst zu delegieren. Gerade jetzt aber brauchen wir Verantwortlichkeiten auf allen Ebenen, da die Sinnhaftigkeit von digitalisierten Prozessen nur durch Fachverantwortliche geleistet und geleitet werden kann. Daher muss Führung lernen, dieses Verantwortungsgefühl wieder zu wecken in jedem Mitarbeiter und die Angst vor Entscheidungen zu nehmen. Führung muss in der digitalisierten Welt mehr denn je vertrauen. Dabei ist aber die Zeit der einsamen Führer vorbei, die das Schiff durch die Brandung führten. Heute ist die Führungskraft maximal Lotse, das Team steuert, eine gewaltige Umstellung im Führungsverständnis der allermeisten Topetagen.
Eigentlich ist es ja eine Traumvorstellung: die digitale Welt nimmt uns vieles von dem ab, was und heute noch Zeit und Mühe kostet. Es müsste ja viel Raum und Zeit frei werden, für Kreativität und Teamwork. Führung muss es gelingen, diese Chance transparent zu machen im eigenen Unternehmen und zu gestalten. Kreativität kann in diesem Umfeld eine neue und gewaltige Rolle spielen, es entstehen neue Freiräume, die gestaltet werden können, was für eine schöne Vorstellung! Damit dies auch gelingt, bedarf es einer Führungskraft, die immer wieder ermutigt und antreibt, die Vertrauen erzeugt und Atmosphäre schafft.
Fazit: die Digitalisierung fordert jede Führungskraft. Analog zu einem Songtext der Achziger kann man sagen „Neue Manager braucht das Land“! Und dann ist der Chef oder die Chefin eben nicht der beste Kumpel, sondern der Gestalter einer guten neuen Arbeitswelt in Zeiten der Digitalisierung.

Anja Schelte