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Zum 4. Mal in Folge!

Delta im Dialog mit: Dr. Matthias Ballweg

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Matthias Ballweg ist Vorsitzender der DAV. 
Foto: Achim Schmidt

Im Interview mit Delta Management Consultants erzählt Dr. Matthias Ballweg, warum er die Vorteile seiner klassischen Karriere in den Wind geschossen hat, um „die Welt retten zu gehen“. Beim Think Tank SYSTEMIQ hat man sich zum Ziel gesetzt, durch einen Systemwandel profitables und nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. Er erzählt, wie es zu seinem Wechsel gekommen ist und wo wir in Sachen Nachhaltigkeit und Klimawandel heute wirklich stehen.

Delta: Herr Dr. Ballweg, Sie waren 7 Jahre bei McKinsey, im Anschluss 3 Jahre Strategie-Chef bei MAN. Vor Kurzem haben Sie sich vollumfänglich der Bekämpfung des Klimawandels verschrieben und arbeiten bei dem Think-Tank SYSTEMIQ. Wie kam es dazu?

MB: Ich habe sehr gerne bei McKinsey gearbeitet. Tolle Leute, steile Lernkurve und stetige Entwicklung. Schon vor meinem Wechsel zu MAN habe ich überlegt, ob ich etwas in die Richtung wie SYSTEMIQ mache, da war der Wunsch nach mehr Nachhaltigkeit aber wohl noch nicht ausgeprägt genug. Ich bin dann zu MAN und habe es inhaltlich auch sehr genossen. Die strategische Bandbreite war enorm. Ich war der MAN-Verantwortliche beim TRATON Börsengang, hatte alle Themen in Richtung Future Mobility bei mir und habe direkt an den Vorstand berichtet. Dennoch hatte ich irgendwann das Gefühl, etwas anderes machen zu wollen. Genau in dieser Phase legte mir dann der SYSTEMIQ-Gründer Martin Stuchtey bei einer Klettertour die Hand auf die Schulter und meinte: „Wie sieht´s aus, komm doch zu uns die Welt retten“.

Delta: Sie haben zwei Kinder, erwarten mit Ihrer Frau aktuell noch einmal Zwillinge. Als baldiger Vater von vier Kindern und all den Annehmlichkeiten eines Unternehmens – wie persönlicher Assistenz und luxuriösem Firmenwagen – sicher keine einfache Entscheidung. Haben Sie dennoch spontan zugesagt oder haben Sie erst einmal einen inneren Gedankenprozess durchlaufen?

MB: Ehrlich gesagt war es erst einmal ein Prozess. Ich war nicht abgeneigt, brauchte aber Zeit zum Nachdenken. Nach einigen Tagen habe ich Martin Stuchtey dann angerufen und gesagt, ich würde es mir gerne genauer anhören. Ich habe dann den zweiten Gründer und in der Folge weitere Partner getroffen, um zu verstehen, wohin sich SYSTEMIQ entwickeln möchte. Diese Gespräche waren so inspirierend für mich und dann hat es einfach Klick gemacht. Damit war ich emotional doch schon recht weit in meinem Entscheidungsprozess, dennoch gab es immer mal wieder zweifelnde Gedanken. Ich habe dann irgendwann zu meiner Frau gesagt, lass uns jetzt noch einmal ernsthaft darüber reden, was ich hier vorhabe. Am Ende bedeutet das Ganze zusammengefasst: Mehr Reisen für weniger Benefits. Ist das eigentlich so schlau mit Blick auf den anstehenden Nachwuchs? Dazu habe ich natürlich weitere Gespräche mit meinem engen Umfeld zu diesem Thema geführt. Ein guter Freund half mir schließlich bei meiner Entscheidung, als er mich fragte: „Wenn du in 20 Jahren zurückblickst, was wirst du bereuen, nicht getan zu haben?“ Diese Frage hat mich final zum Nachdenken angeregt und meine Karriere grundlegend in Frage gestellt. Was werde ich meinen Kindern sagen, wenn sie mich fragen, was ich getan habe, als die Welt an einem Scheideweg stand und Veränderungen wirklich wichtig waren? Unseren Kindern einen intakten Planeten zu übergeben könnte die wichtigste Aufgabe der heutigen Generation von Führungskräften sein.

Delta: Mit welcher Zielsetzung und Mission sind Sie bei SYSTEMIQ angetreten?

MB: Die globalen Ziele der UNO und das Pariser Abkommen haben die Ziele festgelegt, die wir erreichen müssen, um die Erde zu schützen und sicherzustellen, dass jeder in der wachsenden Weltbevölkerung eine Chance auf Wohlstand hat. Bislang sind die meisten Veränderungen zu inkrementell. Bestehende Regierungsversprechen und Maßnahmen der Industrie werden uns nicht in den 1,5°-Celsius-Korridor bringen, den wir erreichen wollen. Wir müssen die Wirtschaftssysteme viel schneller umgestalten, um die UN-Ziele zu erreichen und die Degradierung der natürlichen Ressourcen zu stoppen. Weniger schlecht zu sein und sich selbst einzuschränken ist nicht die Antwort. In einigen wenigen Aspekten mag es eine Rolle spielen, aber der Weg in eine nachhaltige Zukunft liegt darin, durch einen Systemwandel profitables und nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen und dafür steht SYSTEMIQ. Mein Case ist es, hier das Thema Mobilität aufzubauen. In Addition dazu beschäftige ich mich intensiv mit Verhaltensänderung.

Delta: Warum ist Verhaltenspsychologie so essenziell in diesem Kontext?

MB: Ich habe in diesem Thema promoviert und mich im Besonderen dem Alphatierverhalten gewidmet. Aus dem Promotionsthema heraus habe ich mit einem Freund das Startup everskill gegründet, das sich mit Verhaltensänderung sowie der dafür nötigen Digitalisierung von Trainings in Unternehmen befasst. Und Verhaltensänderung ist genau das, was es braucht für mehr Nachhaltigkeit.

Delta: Wo stehen wir also in Summe beim Thema Nachhaltigkeit? Im Verständnis und im Operations?

MB: Da gibt es sicherlich Unterschiede in den einzelnen Branchen. Man muss bei Unternehmen auch differenzieren zwischen denen, die das Thema beispielsweise gerade einmal unter Gesichtspunkten des Employer Brandings aufgreifen, damit die Leute nicht weglaufen, und denen, die darin schon ein echtes Business Risk bzw. eine Business Opportunity verstanden haben. Sustainability bietet die Chance für sehr interessante Geschäftsmodelle und damit muss ich mich als Unternehmen auch befassen. Einige stehen hierbei noch ziemlich am Anfang, einige sind schon deutlich fortgeschrittener. Grundsätzlich freut es uns aber, dass das Thema sehr präsent ist, in der Gesellschaft, in der Politik und auch in der Wirtschaft.

Delta: Insbesondere unsere Klienten aus dem Beratungssektor haben uns zurückgespielt, dass auch beim World Economics Forum in Davos der Klimawandel der beherrschende Inhalt war. Sie waren ebenfalls in Davos. Was waren Ihre Eindrücke?

MB: Ja, absolut richtig. Ich war zum ersten Mal dort und war hin und weg, wie viele Leute SYSTEMIQ und unsere Inhalte schon kannten. Quasi jeder, mit dem ich geredet habe, wusste wer wir sind. An einem Abend war ich mit Sandrine Dixon-Declève, der Vizepräsidentin des Club of Rome, unterwegs. Als wir durch Davos gelaufen sind hat Sie jede zehn Meter einen CEO getroffen und mich kurz vorgestellt. Und immer war die Reaktion: „Cool, du bist von SYSTEMIQ. Tolle Arbeit, die ihr leistet, ich besuche morgen eine Session von euch“. Das war schon beeindruckend. Wir haben ohne Budget 17 Sessions zu Themen wie Ocean Plastics, Circular Cars oder New Mobility gemacht. Andere Beratungen, die teils mit einem siebenstelligen Budget am Start waren, haben gerade einmal 3 Sessions gemacht. Das macht uns schon stolz.

Delta: Welchen Impact-Hebel bietet SYSTEMIQ denn gegenüber einer klassischen Strategieberatung?

MB: Ich versuche einmal einen Vergleich zwischen SYSTEMIQ und McKinsey zu ziehen, da ich diese beiden am besten kenne. SYSTEMIQ denkt deutlich langfristiger und bietet dadurch auch die Chance, systemischer denken zu können. Damit können wir genau diesen systemischen Ansatz auf uns selber anwenden, den wir unseren Kunden näherbringen möchten. Wir können länger aus Überzeugung handeln, ohne den ganz großen Profitabilitätsdruck zu spüren, den ein Partner bei McKinsey hat. In puncto Knowledge-Management und Netzwerk ist eine Strategieberatung natürlich noch besser aufgestellt. Auch beim Thema „Zug zum Tor“ können wir uns noch einiges abschauen. Nach der Universität bringen Ihnen zwei Jahre McKinsey im Lebenslauf wahrscheinlich mehr als zwei Jahre SYSTEMIQ. In Sachen Flexibilität für unsere Kunden sehe ich uns jedoch wieder im Vorteil.

Delta: Wie geht es für SYSTEMIQ weiter?

MB: Wir sehen uns auf einem exzellenten Weg, auch wenn dieser natürlich noch lang ist. Wir sind absolut überzeugt von unseren Inhalten und den daran angeschlossenen Chancen. Wir wollen weiterhin Manager in die Lage versetzen, Kompromisse zwischen Nachhaltigkeit und Rentabilität aufzulösen und damit unseren Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten. Dabei versuchen wir, attraktiv für gute Leute zu sein, die uns dabei helfen.

Delta: Herzlichen Dank für den anregenden Austausch, lieber Dr. Ballweg!

MB: Sehr gerne!

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Das Interview führte Florian Schumann, Partner der Professional Services Practice bei Delta Management Consultants.

Delta Admin