Blog







Home Office in Coronazeiten

Zur Zeit sitzen viele von uns in ihren sogenannten home offices und stellen teilweise erstaunt fest, wie effizient sich dennoch arbeiten lässt, dank der Digitalisierung. Und die Arbeitgeber, die noch nicht dieser neuen Arbeitsform huldigten, sind ebenfalls erstaunt. Es geht ja, und das noch nicht einmal schlecht! Nein, teilweise erreicht man in der ruhigen häuslichen Umgebung sogar mehr, ungestört von Kolleginnen und Kollegen, vom nervigen Chef oder der omipräsenten Chefin, und ohne die vielen Stauzeiten lebt es sich allemal besser.

Ein Lob also dem Homeoffice, und so wird es momentan auch überall gesungen. Und doch frage ich mich täglich, will ich das wirklich? Ist das gut für unsere Gesellschaft, für unseren sozialen Zusammenhalt, wenn wir nicht mehr oder nur noch selten ins Büro gehen?

Aber erst einmal ein Blick auf die Fakten. Ein home office ist per definitionem ein mit (hoffentlich) moderner Kommunikationstechnik ausgestattetes Büro im eigenen Wohnhaus. Es ist so flexibel, dass ich ja eigentlich mit dem Laptop auf den Knien überall arbeiten kann, so spricht man auch gerne von mobilem Arbeiten.

Aber liegt nicht eine große Gefahr darin, dass sowohl Arbeitnehmer als auch Arbeitgeber zu viel Gefallen an der neuen Situation finden? Warum sollte ein Arbeitgeber dann zukünftig noch in teure Immobilien und Standorte investieren, wenn Arbeitskraft digital überall zur Verfügung steht? Alle die, die nicht in einem Produktionsprozess stehen, die nicht am Krankenbett pflegen oder an der Supermarktkasse kassieren, alle diejenigen, deren Anwesenheit an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit nicht unbedingt erforderlich ist, sind so einfach und bequem in letzter Konsequenz auch quasi „outsourcingmasse“.

Nicht auszudenken, wenn in der am Schlußpunkt dieser Entwickluing dann auch die soziale Verantwortung des Unternehmers entfällt, da die bedarfsgerechte Akquise und Ausnutzung menschlicher Arbeitskraft immer leichter fällt, man bestellt quasi „ein Stück Arbeit“ bei zahlreichen im Home office befindlichen, dann freien Mitarbeitern, eine neue Form von „Ich-AG“ ohne soziales Netz und ohne Arbeitnehmersicherheit, ein spätkapitalistisches Horrorszenario. Vielleicht übertreibe ich mit meinen Sorgen vor dieser Entwicklung, mag sein, aber welcher Arbeitgeber sollte nicht dem Reiz dieser Flexibilität zumindest in Teilen erliegen?

Schwer vorstellbar sind auch die mittel- bis langfristigen Auswirkungen dieser Vereinzelung von Arbeitsschaffenden in Bezug auf den Teamgedanken, auf das soziale Miteinander, und letztendlich auf das demokratische Bewußtsein aller, da  befürchten viele namhafte Philosophen und Sozialwissenschaftler aus meiner Sicht zurecht jetzt schon demokratiefeindliche Bewußtseinsprozesse.

Ich auf jeden Fall freue mich wieder auf meine Kolleginnen und Kollegen, auf mein Büro, was nicht zugleich mein Zuhause ist, auf das gemeinsame rasche Mittagessen, auf Klatsch und Tratsch, auf gemeinsame Projekte und Besprechungen, die tatsächlich von Angesicht zu Angesicht stattfinden und nicht via Internet. Wie es wohl meiner Büropflanze geht?

 

 

Anja Schelte